Mannheim & Schumpeter: Die reduzierte Demokratie

Karl Mannheim

Karl Mannheim
(1893-1947)

Der hier vorliegende Text ist im Rahmen meiner Klausurvorbereitungen im Wintersemester 2011/2012 für den Kurs “Strukturwandel der Demokratietheorien” im Modul 1.2b der Politik- und Verwaltungswissenschaften an der FernUniversität Hagen entstanden.

Nach Ende des 2. Weltkriegs kam es zu einer weitgehenden Verdrängung der klassischen Demokratie als Selbstbestimmung des Volkes: Durch reduzierte Demokratiekonzepte der politischen Beteiligung sollten eine möglichst effiziente Führung und ein fähiges Krisenmanagement in den politischen Systemen des Westens garantiert werden. Dabei waren die Demokratiekonzepte von Karl Mannheim (1893-1947) und Joseph A. Schumpeter (1883-1950) von großer Bedeutung.

Zur Rettung der liberalen Demokratie entwickelte Karl Mannheim sein Konzept der sozialtechnologisch „formierten“ Demokratie, um so den Absturz der Gesellschaft in totalitäre Herrschaftsformen verhindern zu können. Seine Lösung: die Planung bzw. Regulierung des gesellschaftlichen Lebens, die sich aber mit den normativen Grundlagen der liberalen Demokratie (Freiheit und Selbstbestimmung) vereinbaren lässt. Dazu gehört auch eine staatlich gelenkte Propaganda sowie die politische Umerziehung der Bürger, die Regulierung des sozialen Aufstiegs und die Koordination der öffentlichen Einrichtungen. Durch diese Formierung der Gesellschaft soll das Abgleiten in den Totalitarismus verhindert werden. Das Prinzip der gleichen Chancen für alle Bürger muss mit objektiven Leistungskriterien und gerechten sozialen Auswahlprinzipien verbunden werden und so zur Leistungsgesellschaft führen. Regiert wird durch Experten in geschlossenen Zirkeln, die allerdings von außen nicht zu kontrollieren sind. Das Parlament soll weiterhin seine Kontrollaufgaben erfüllen und dafür sorgen, dass die Konfliktregelung in zivilisierten Formen verläuft sowie die Rekrutierung der Eliten im politischen Bereich sicherstellen. Mit dem Wahlakt bleibt die Teilhabe der Bevölkerung am politischen Prozess zwar bestehen, soll aber nicht weiter ausgebaut werden, da sonst nicht nur der Planungsablauf gestört sondern die Demokratie sogar zerstört werden könnte.

Ein weiterer Gegenentwurf zur klassischen Demokratie kam von Joseph A. Schumpeter. In seiner funktionalistische Demokratietheorie geht er davon aus, dass ein eindeutig bestimmbarer Gemeinwille der Bevölkerung wie das volonté générale von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) überhaupt nicht existiert. Ganz im Gegenteil, es handelt sich dabei um einen durch Marketingtechniken fabrizierten Gemeinwillen. Außerdem unterstellt Schumpeter einem Großteil der Bevölkerung ein reduziertes Verantwortungsgefühl und hält diesen auch für zu unfähig und zu unwissend, um in der komplexen Welt der Politik die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Einzig und allein der Gang zur Wahlurne wird ihm noch zugetraut. Demokratie ist für Schumpeter deshalb auch nur eine politische Methode, in der die Bevölkerung durch einen Wahlakt die staatliche Ordnung in die Hände konkurrierender Parteieliten legt. Der Politiker ist als Unternehmer anzusehen, allerdings nicht mit dem Ziel der wirtschaftlichen Gewinnmaximierung, sondern mit dem Ziel durch möglichst viele Wählerstimmen die eigene Macht zu steigern.

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2 Gedanken zu “Mannheim & Schumpeter: Die reduzierte Demokratie

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